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Meditationen / Predigten

14.01.2009

Weihnachtspredigt 2008 über Lukas 2, 1-10

Vikarin Dr. Kristin Jahn - Meiningen

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.


Liebe Gemeinde,
dass Gott sich mit einem wahren Lichtgewitter bei den Hirten bemerkbar macht und ihnen seinen Engel schickt – das mögen wir vielleicht noch glauben.
Ich glaube auch, dass man da wirklich erschrecken kann, wenn Gott in seiner ganzen Herrlichkeit alles überstrahlt, wenn es mitten in der Nacht taghell wird.
Ich glaube, dass es Menschen in maßlose Furcht versetzt, wenn Gott so unverhofft in ihre Wirklichkeit einbricht.
Aber dass mir dann von Gott ein Retter geschickt wird, der in Windeln daliegt – hilflos und klein – das übersteigt bei weitem meinen Verstand.
Nicht nur die Hirten mögen sich da gefragt haben: haben wir uns verhört - in Windeln soll unser Heiland liegen, hilflos und klein?
Kann das mit rechten Dingen zugehen, was der Engel da gesagt hat?
Ich frage mich: Wie soll ich das zusammenbekommen - die Höhe Gottes und die Hilflosigkeit seines Sohnes? Die Herrlichkeit des Herrn und die Ärmlichkeit der Krippe?
Der Evangelist Lukas beharrt darauf, dass dies alles so gewesen ist. Er spickt seinen Bericht, den er im Jahre 90 – also lange nach der Geburt Jesu – verfasst hat, mit allen möglichen Details, um uns zu sagen: das ist ein datierbares, historisches Ereignis. So kommt unser Gott in diese Welt.
Und Lukas verweist auf alles, auf die Schätzung, auf den Statthalter – alles ist festgehalten, um klar zu machen: So real wie eine drohende Steuererhöhung im Zuge der Volkszählung – so real zieht Gott in diese Welt ein in Gestalt seines Sohnes.
Und Lukas macht deutlich, dieser Heiland kommt nicht nur zu Besuch, nicht nur über die Feiertage. Er kommt nicht einfach mal kurz vorbei, um Hallo zu sagen. Er hat sich aufs Bleiben eingerichtet. Mit einem Dach überm Kopf, mit Eltern – alles ist vorhanden.
Und dieser Retter kommt so, wie alle Menschen bis jetzt auf die Welt gekommen sind: mit Fleisch und Blut und in Windeln gewickelt.
Gott macht sich klein. So groß und erschreckend er vorher in seinem Lichtgewitter daherkam auf dem Felde bei den Hirten – so klein, und unscheinbar liegt er nun in der Krippe, in Bethlehems Stall.
Was soll diese hilflose Erscheinung des Gottessohnes? Was soll mir solch ein Retter bedeuten?
Was nützt ein Retter, der sich offensichtlich selbst nicht helfen kann? Was anfangen mit diesem Heiland, der sich in der denkbar ungünstigsten Lage präsentiert?
Ich gebe es zu – nach all den Verheißungen, nach allem auch, was der Prophet Jesaja da kundgetan hat, hätte ich mehr erwartet, einen Typen, der das drückende Joch der Armut, der Ungewissheit, der Bedrohung durch Krankheit und Arbeitslosigkeit von den Schultern nimmt. Denn so hieß es doch bei Jesaja: „du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen.... und die Herrschaft ruht auf deiner Schulter – ein Friede-Fürst, dessen Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende habe.
Ich gebe es ehrlich zu, da hätte ich einen Heiland erwartet, der auch so stark und mächtig aussieht, dass er die Kriege und Kriegstreiber umstürzen kann. Einer, der gegen Finanz- und Wirtschaftskrisen etwas im Gepäck hat – so einen hätte ich erwartet. 
Zumindest wünsche ich mir das, von Zeit zu Zeit. Und von Zeit zu Zeit wünschte ich mir einen Retter, der mit starker Hand durchgreift. Der auf die Pauke haut und die Hoffärtigen wirklich vom Thron stürzt.
Einer, der die Spekulanten bestraft, die mit ihrer Gier eine Finanzkrise verursachen, deren Opfer jetzt die kleinen Leute sind.
Wenn ich an Krankenhausbetten stehe, dann wünschte ich mir von Zeit zu Zeit einen Retter, der die passenden Medikamente gegen jedwede Krankheit im Koffer hat.
Wenn an Weihnachten die Familien zusammenkommen und mit ihnen der Feiertagsstress, dann wünschte ich mir einen Retter, der kommt und dann ist mit einem Male Frieden, da gibt es dann keinen Streit mehr um den schiefen Tannenbaum oder um falsche Geschenke und überzogene Sparkonten.
 Wenn der Retter kommt, wäre endlich mal alles im Lot. So wünschte ich es mir von Zeit zu Zeit.
Ein Retter, habe ich als Kind immer gedacht, der müsste doch all das wirklich können. Ein Retter müsste den Armen einen Haufen Geld schicken und die Kranken gesund machen, jetzt und sofort – über Nacht – so wie dieser Heiland über Nacht in die Welt gekommen ist. Der müsste so groß und herrlich daherkommen wie Gott in seinem Lichtgewitter; nicht so klein und hilflos.
Aber Fakt ist: Gott macht der Welt nun einmal keine Kampfansage, sondern eine Heilsansage. Er schickt nun mal keinen Zauberer, sondern einen Heiland. Und er schickt ihn mitten in diese kaputte Welt.
Ich frage mich, warum die Hirten beim Anblick dieses Retters in Lobgesänge ausgebrochen sind, denn dieser  Heiland hat ihnen ja nichts geben können. Er hatte ja selber nur das nackte Leben.
Was mögen die Hirten untereinander über diesen Heiland erzählt haben, als sie wieder von dannen zogen?
Ich glaube, dass sie erkannt haben, dass unser Heiland sich nicht klein macht, um unsere Erwartungen zu enttäuschen, sondern um aller Welt zu zeigen:
ich nehme all das mit auf meine Schultern;
ich weiß, was es heißt, hilflos und arm zu sein. Ich weiß um euer ganzes Leben, um die Herzlosigkeit überfüllter Städte, wo keiner mehr willkommen ist;
ich weiß um die bitterkalten Nächte draußen auf dem Feld;
ich weiß, was es heißt, Hunger zu haben und was es heißt, in ungewisse Zeiten aufzubrechen.
Ich weiß, was es heißt, in dieser Welt rechtlos, sprachlos und hilflos dazuliegen, ob nun in der Krippe oder auf dem Pflegebett.
Dieser Gott schaut sich das Leben nicht nur von fernen Himmelshöhen an, er erlebt das alles selbst am eigenen Leib!
Meinen ganzen Lebensschrott, die Ungewissheit, was kommen mag, von alledem weiß der. Das haben die Hirten einst erfahren, das wird mir Jahr für Jahr an Weihnachten deutlich.
Sicher, die Hirten haben nach wie vor eine ungewisse Zukunft vor sich gehabt, aber in alledem doch die Gewissheit: Gott geht mit, so greifbar nah, wie es sonst nur Menschen sind, so nah ist er und trägt mit, was da kommt. 
Der Retter in Windeln – das ist Gottes Art zu sagen: ich beginne mit euch ganz unten, im kleinen, mag sein auch im Verborgenen – da schließe ich Frieden mit dieser Welt und dieser Frieden wächst und wird größer von Tag zu Tag.
Der Retter in der Krippe – das ist Gottes Art zu sagen: ich übertünche deine Wirklichkeit nicht mit einem schalen Frieden. Vielmehr gehe ich mit dir durch den ganzen Schlamassel hindurch und nehme dich mit in mein Reich.
Der Retter im Stall – das ist Gottes Art zu sagen: Ich mache keinen Bogen um deine Ängste, sondern komme mitten hinein und lasse dich ein großes Licht schauen.
Ich mache mich klein für euch Menschen, nicht um eure Erwartungen von einem Retter zu enttäuschen, sondern um alle, die am Boden liegen aufzuheben, hinein in meine Herrlichkeit.
Wenn mir an diesem hilflosen Gottessohn eines deutlich wird, dann dies: Nur der kleine Gott erreicht auch die Kleinsten. Dies haben die Hirten erfahren, dies hat der Evangelist Lukas als heilsam erlebt und uns dies daher in Worte gefasst.
Es ist also kein Wunder, dass die Hirten Loblieder gesungen haben, als sie wieder in ihren Alltag zurückgingen, dass ihnen da das Herz aufgegangen ist und sie fröhlich gesprungen sind.
Gott schenke uns, dass wir einstimmen können in den Jubel der Hirten, dass wir in unser Leben zurückgehen, mit der Gewissheit: Gott geht mit von Anfang an bis zum Ende.
Gott schenke uns, dass wir seine Gegenwart spüren, dass unser Herz fröhlich springt und singt, weil Gott in jeden Winkel einzieht, in dunkle Felder genauso wie in ungewisse Zeiten; dass wir den Jubelruf in unseren Herzen hören und weitersagen: Ich fürchte mich nicht! Denn mir ist heute der Heiland geboren; welcher ist Christus, der Herr in der Stadt Davids und ich habe ihn gefunden, wo ich es am wenigstens vermutet habe, mitten in meinem Leben!
Und der Friede Gottes, welcher all unseren Verstand übersteigt, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 

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